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Sonntag, 1. Februar 2015

Jung geblieben




„Sie sind die berühmte Beate Fuchs? Nein, das kann nicht sein. Sie müssen ihre Tochter sein.“ Der junge Mann sah sie irritiert an.
„Doch, doch, ich bin‘s wirklich.“ Huldvoll lächelte Beate ihn an.
„Beate Fuchs muss im Alter meiner Mutter sein.“
Eher seiner Großmutter, aber das behielt Beate lieber für sich. „Ich habe gute Gene, meine Mutter und meine Großmutter sind auch lange jung geblieben.“
„Beneidenswert. Und wie Sie noch immer tanzen können. Da können die meisten jungen Frauen nicht mithalten.“ Er reichte ihr die Autobiografie, die er eben gekauft hatte. Sicher für seine Mutter.
„Ich trainiere auch jeden Tag.“ Allerdings musste sie dazu vorher Schmerztabletten schlucken und jeden Tag dauerte es etwas länger, bis sie warm und beweglich wurde ... Auch das brauchten ihre Fans nicht zu wissen. Nicht einmal ihrer Familie ging es etwas an. Und die Rollenangebote wurden auch spärlicher.
Mit einem Lächeln schrieb sie eine Widmung, obwohl sie kaum noch den Stift halten konnte. Höchste Zeit, die nächste Tablette zu nehmen. Er war der letzte Fan gewesen. Der Buchhändler begleitete ihn hinaus. Als er ihr den Rücken zuwandte, stemmte sich Beate mit der Hand am Tisch hoch und lief ein paar unsichere Schritte, bis die Gelenke wieder warm wurden.
„Gehen wir gemeinsam essen, oder wollen Sie sich lieber ausruhen?“
„Nein, ich habe einen Bärenhunger.“
„Ich habe einen Tisch beim Italiener reservieren lassen.“
Beate stöckelte an seiner Seite über den Rathausplatz ins Restaurant. Dort verschwand sie im Waschraum, schluckte eine Schmerztablette, dann puderte sie sich neu. Die Falten wurden tiefer. Sie brauchte unbedingt einen Termin beim Schönheitschirurgen. Diesmal wollte sie sich allerdings nicht liften lassen, damit ihr Gesicht nicht zu maskenhaft wurde. Nein, er sollte lieber das Wundermittel Botox spritzen. Ob es für den Hals endlich etwas gab? Und für ihre Hände? Morgen würde sie erst einmal zum Haarefärben gehen.
Sie seufzte, mit den Kontaktlinsen kam sie gut zurecht, aber ein Hörgerät war ihr trotz der Kunst ihres Coiffeurs zu auffällig. Und ohne ging in ihrem Beruf leider nicht mehr. Schließlich musste sie verstehen, was die Leute sagten.
An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Doch, auf ein paar Metern Entfernung wirkte sie wirklich jugendlich. Der junge Mann hatte recht. Lächelnd ging sie in den Gastraum zurück.
©Annette Paul

Sonntag, 16. Juni 2013

Tanzen wie eine Primaballerina




    Marie saß eingekuschelt in ihre Lieblingsdecke im Sessel und sah fern. Sie sollte sich ausruhen. Mama war immer sehr besorgt um sie, war sie doch schwach und zart und ständig in Gefahr sich zu überanstrengen.
Marie zappte durch das Programm. Eine Ballettaufführung fesselte ihre Aufmerksamkeit. Schwerelos tanzten die Mädchen in wunderschönen weißen Kleidern zur Musik. Die Primaballerina drehte sich um sich selbst, sprang, streckte sich und schien zu schweben. Sie landete vor Maries Sessel, bewegte sich graziös hin und her und schien Marie aufzufordern.
„Das möchte ich auch können", seufzte sie und wippte im Takt mit.
„Mach mit", lockte das Mädchen.
„Ich bin zu klein und schwach."
Die Primaballerina lachte perlend. Sie streckte ihre Hand nach Marie aus und zog sie hoch. Dann tanzte sie vor und Marie ahmte sie nach. So leicht und frei hatte sie sich noch nie gefühlt.
„Wo hast du das gelernt?" Papa stand in der Wohnzimmertür.
„Von dem Mädchen." Marie schaute sich suchend um. Die Primaballerina lächelte und winkte Marie aus dem Fernseher zu.
„Papa, ich möchte auch tanzen lernen."
„Aber ..."
„Ich bin nicht mehr klein und schwach. Ich bin groß und stark und will tanzen lernen."


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Warm und trocken
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Sonntag, 12. Mai 2013

Anna will tanzen lernen




„Mama, Fredy geht zum Tanzen“, schreit Anna und läuft Mama entgegen.
Mama umarmt sie. „So, so, schön“, murmelt Mama und hilft Anna in die Schuhe hinein.
„Mama!“
Mama schaut nicht auf. Sie schnürt die Schuhe zu. Anschließend zieht sie Anna die Jacke an.
„Mama, ich will auch tanzen.“
Mama bückt sich und hebt den Rucksack auf.
„Mia und Sarah kommen auch mit.“
„Habt ihr die Laternen fertig gebastelt?“, fragt Mama.
„Nein, ich muss sie noch zusammenkleben. Aber die Fenster sind fertig.“
„Der Laternenumzug wird bestimmt schön.“ Mama nimmt Anna an die Hand und gemeinsam gehen sie nach Hause.

Daheim läuft Anna zu Papa und fragt ihn: „Darf ich tanzen gehen?“
Papa liest Zeitung. Ohne aufzusehen sagt er: „Wenn du willst.“
Anna dreht sich zu Mama um. „Mama, ich darf mit Fredy zum Tanzen gehen.“

In den nächsten Tagen bettelt Anna so lange, bis Mama Fredys Mama fragt. Ganz lange unterhalten sich die beiden. Mama macht ein ernstes Gesicht. Anna hält es vor Spannung kaum aus. Doch bevor sie nach Hause gehen, spricht Mama noch mit Mias Mama. Jetzt lächelt sie.
Endlich gehen sie nach Hause. Anna hüpft an Mamas Hand die Straße entlang.
„Fredys Mama holt mich morgen Nachmittag ab. Dann gehen wir tanzen“, sagt Anna.
Mama bleibt stehen. Sie schaut Anna ernst an. „Anna, Fredys Eltern haben viel Geld und Fredy hat keine Geschwister. Die Tanzschule ist sehr teuer. So viel Geld haben wir nicht.“
„Doch, Papa hat ganz viel Geld. Die ganze Börse voll.“ Anna stampft mit dem Fuß auf. „Ich will auch tanzen.“
„Mausi, mit dem Geld muss Papa die Wohnung bezahlten und die Heizung und das Brot und die Milch. Und wir brauchen viel mehr Brot und Milch, weil wir drei Kinder haben und nicht nur eins.“
Anna ist traurig. Dicke Tränen schwimmen in ihren Augen und rollen schließlich über ihre Backen hinunter. „Aber Sarah und Mia gehen auch hin. Und Mia hat sogar drei Schwestern.“ Mama kann kaum verstehen, was Anna sagt, so laut schluchzt sie.
Mama nimmt sie in ihre Arme. „Mein armer Schatz. Es geht wirklich nicht. Es ist eine ganz, ganz teure Schule.“ Sie küsst Annas Tränen weg. Und als Anna nicht mehr weint, sagt sie: „Mia geht auch nicht in Fredys Tanzschule. Sie geht in den Sportverein. Da kann sie auch tanzen. Mias Schwester ist schon dort.“ Sie drückt Anna noch einmal fest. Dann nimmt sie Annas Hand und sie laufen weiter. „Vielleicht geht Sarah auch dorthin. Ihre Mama will es sich anschauen.“
Jetzt ist Anna getröstet. Wenn Mia und Sarah dort hingehen, dann ist es in Ordnung. Und sie geht auch hin. 



©Annette Paul