Sonntag, 9. Februar 2014

Treue Elfe




Die kleinen Elfen spielten, sangen und tanzten übermütig herum. Eine besonders vorwitzige Elfe versteckte sich in einer Rosenblüte. Aber, oh weh, die Rose schloss sie ein. Sie bat, flehte und weinte. Es half nichts. Sie blieb gefangen. Fortan hörte sie voller Trauer ihre Freunde, doch sie konnte nicht mehr mitmachen.
Eines Tages schnitt eine Frau die Rose ab, trug sie ins Haus und stellte sie in eine Vase. Die Rose öffnete ihre Blüte weit und duftete betörend. Mit einem Freudenschrei sprang das Elfchen hinaus, drehte eine Pirouette und walzte herum. Dann flog sie zum offenen Fenster und rief: „Komm mit, du dumme Rose."
„Ich kann nicht."
Das Elfchen zögerte, schaute auf den gesenkten Kopf der Blume und kehrte um. Neugierig streife es durchs Zimmer, sang und tanzte es vor Lebensfreude. Am späten Abend legte es sich in der Rosenblüte schlafen.
Als die Rose Blütenblätter verlor, warf die Frau sie auf den Kompost. Sie lag zwischen Kartoffelschalen und Rasenschnitt. Ihre roten Blütenblätter verteilten sich um sie herum. In der Nacht stürmte es und wehte sie hinab auf den Erdboden. Die kleine Elfe spielte tagsüber wieder mit ihren Freunden. Nachts schlief sie bei ihrer Rose. Diese kümmerte immer mehr dahin. Alles gute Zureden der Elfe half nichts. Die grünen Blätter welkten, der Stängel wurde schlaff. Doch eines Tages schlugen neue zarte Blätter aus. Die Elfe behütete sie und brachte an heißen Tagen Wasser. Im folgenden Jahr war aus dem einen Zweig ein neuer Rosenstock gewachsen. Nie wieder nahm die Rose eine Elfe gefangen.

©Annette Paul

Sonntag, 26. Januar 2014

Wer ist ein Angsthase?



Mario, Mark und Sascha spielen im Park. Gleich nebenan ist ihr alter Kindergarten. Bis zum Herbst haben sie ihn noch besucht, aber jetzt sind sie groß und gehen zur Schule.
„Seht doch, der Teich ist schon zugefroren“, ruft Mark.
Spiegelglatt ist das Eis. Ein paar Enten rutschen über die Oberfläche, als sie landen. Sascha hackt mit seinem Absatz ein Loch in den Rand und bricht ein Stück heraus. Es ist klar wie Glas. Das Eis wirft er auf den Teich. Es schlittert fast bis auf die gegenüberliegende Seite. Mark und Mario machen es ihm nach. Bald ist der ganze Teich mit Eissplittern übersät.
„Ich gehe aufs Eis“, ruft Mario und geht mutig voran.
Sascha folgt ihm. Nur Mark bleibt ängstlich am Rande stehen. Seine Mutter hat ihm verboten, schon auf das Eis zu gehen.
„Komm doch“, fordert Mario ihn auf. Aber Mark schüttelt den Kopf.
„Das Eis ist zu dünn“, sagt er.
„Das Eis hält“, erklärt Mario.
Aber Mark bleibt am Ufer.
„Feigling, Feigling“, ruft Mario und Sascha fällt mit ein.
Mark zögert, dann läuft er zu. Einen Feigling will er sich nicht nennen lassen. Das Eis knarrt zwar, aber Mario und Sascha trägt es doch auch.
„Kommt hierher, hier ist ein Fisch“, ruft Mario und starrt auf das Eis.
Saschas große Schwester Mariam kommt dazu.
„Geht vom Teich runter, das Eis ist noch nicht fest“, schreit sie.
„Du hast aber eine doofe Schwester, die ist ein Spaßverderber“, sagt Mario. Dann ruft er: „Angsthase, Angsthase!“
„Sascha, komm sofort, sonst sag ich es Mutter“, ruft Mariam und winkt Sascha heran.
„Petze, Petze“, schreit Mario. Aus Trotz geht er noch weiter hinaus.
Sascha kehrt zögernd um. Mark folgt ihm, dabei rutscht er aus und fällt hin. Das Eis bricht und Mark fällt ins Wasser. Laut schreit er um Hilfe und hält sich am Rande des Eises fest.
Schnell läuft Mario ans Ufer.
„Du musst ihn herausziehen. Du hast gesagt, das Eis hält“, sagt Sascha.
„Geh doch selber. Ich gehe da nicht rauf. Ich kann doch nicht schwimmen“, antwortet Mario.
„Gebt eure Schals“, befiehlt Mariam und knotet sie zusammen. Dann rennt sie um den Teich. Von der anderen Seite ist das Loch dichter am Ufer. Vorsichtig betritt Mariam das Eis und legt sich hin, langsam schiebt sie sich vorwärts. Als sie dicht am Loch ist, wirft sie das selbstgemachte Seil.
Mark bekommt es zu fassen.
„Halte dich fest, ich ziehe dich heraus“, sagt sie und schiebt sich vorsichtig rückwärts.
Tatsächlich schafft sie es, Mark aus dem Wasser zu ziehen.
„Lass uns zum Kindergarten gehen, dort ist es warm, und es gibt trockene Sachen“, sagt sie zu Mark, sobald sie am Ufer sind.
Und als sie an Mario vorbeikommen, fragt sie: „Wer ist der Angsthase?“

Sonntag, 5. Januar 2014

Altes Eisen




„Findest du nicht, dass du langsam zu alt für den Job wirst?“, stichelte Robert. Er musterte Wolfgang, der seelenruhig weiter seinen Tee trank.
„Manche merken einfach nicht, wenn sie aufhören sollen“, fügte Sascha hinzu.
„Dafür ist der Gesundheitsscheck da. Bisher war alles in Ordnung.“ Wolfgang stellte seine Tasse in die Spülmaschine und begab sich zu seiner nächsten Fahrschülerin. Yasemin. Sie stammte aus Ostanatolien. Obwohl sie schon seit über zehn Jahren in Bochum lebte, sprach und verstand sie immer noch nicht genug Deutsch und der Großstadtverkehr war ihr unheimlich. Aber sie wollte den Großeinkauf selbstständig erledigen und beweglicher sein. So hatte sie schon 40 Fahrstunden hinter sich und würde noch einige mehr benötigen.
Am Abend brachte Wolfgang das Auto zurück. Erika, seine Chefin, fragte ihn: „Würdest du noch einen weiteren Schüler übernehmen?“
„Ungern, kann es nicht Robert machen? Yasemin und der alte Peters brauchen sicher noch einige Zeit. Dazu kommen die Jugendlichen, die am liebsten schon in der nächsten Woche ihre Prüfung machen würden.“
„Robert kommt mit der alten Dame nicht zurecht. Sie hat sich beschwert, dass er sie wiederholt angeschrien hat.“
„ Bevor oder nachdem sie die Beule in den Kotflügel gefahren hat?“
„Sowohl als auch.“
„Und Sascha?“
„Ist noch viel ungeduldiger. Nein, Wolfgang, du musst sie übernehmen. Nur deinetwegen haben wir den Ruf, dass selbst hoffnungslose Fälle bei uns das Fahren lernen.“

@Annette Paul

Sonntag, 15. Dezember 2013

Weihnachtsvorbereitungen



„Was schenken wir Mama und Papa zu Weihnachten?", fragt Jana und schaut ihren Bruder an.
„Mama bekommt den Topflappen, den ich in der Schule häkle und für Papa bastele ich so ein Häuschen für die Streichhölzer." Olli zeigt in sein Bastelbuch.
„Und ich baue die kleinen Lebkuchenhäuser aus Keksen für Mama und Papa." Jana blättert zur nächsten Seite. Die Häuschen sehen wirklich niedlich aus.
„Oma wünscht sich so einen großen Transparentstern, da kannst du mir helfen, der ist ganz schwer zu machen und dauert lange", meint Olli.
Jana nickt. Gemeinsam ziehen sie in die Küche und räumen Mamas Vorratsschrank aus. Puderzucker, Bonbons und Kekse legt Jana auf den Küchentisch. Olli kramt die Pappteller vom Sommerfest aus der hintersten Schrankecke. Jana rührt Puderzucker mit Wasser an und dann kleben sie zwei kleine Häuschen aus Keksen und verzieren sie mit Bonbons.
„Die sind gut geworden. Lass uns auch noch für uns selbst welche machen", schlägt Olli vor.
Jana kratzt den Zuckerguss in der Schüssel zusammen. „Für zwei reicht der Zucker noch.“ Also baut jeder noch ein Häuschen für sich selbst.
„Basteln wir jetzt noch?" Olli trägt die Lebkuchenhäuser vorsichtig in sein Zimmer und versteckt sie auf seinem Schrank.
„Wir müssen erst die Küche aufräumen, sonst wird Mama böse." Jana lässt Wasser in die Spüle einlaufen und wäscht die Schüssel, die Löffel und Messer ab.
Olli räumt die restlichen Bonbons und Kekse weg. Dann wischt er den Küchentisch ab. „Gut, wir machen morgen weiter", sagt er.
Am nächsten Tag setzen sich die beiden gleich nach den Hausaufgaben hin und basteln.
Olli baut für Papa mit Tonkarton ein Häuschen für die Streichhölzer. Und Jana stellt Weihnachtskarten für Opa her. Anschließend falten sie zwei große Transparentsterne. Einen für Oma und einen für ihr Wohnzimmerfenster.
„Schade, dass nicht immer Advent ist", sagt Olli und hängt den Stern an das Wohnzimmerfenster. Gut sieht es aus und die Farben leuchten schön bunt.

©Annette Paul

Sonntag, 1. Dezember 2013

Adventsfreuden



Tini freut sich. Morgen ist erster Advent. Sie liebt die Vorweihnachtszeit. Alles ist so schön geschmückt. Die Wohnung riecht nach Keksen, Bienenwachs und Tanne.
„Mama, darf ich beim Auspacken der Weihnachtssachen helfen?", fragt Tini.
„Natürlich, nach dem Kaffeetrinken fange ich an."
Tini geht mit Mama in den Keller und holt die Kartons mit den Weihnachtssachen herauf.
Mama packt die große Pyramide aus und steckt Kerzen in die Halter.
Tini nimmt den Fensterschmuck. In ihrem Zimmer und in Mamas und Papas Schlafzimmer klebt sie weiße Schneeflocken, Tannenbäume, Engel und Weihnachtsmänner an die Scheiben.
In die Küche kommt der große Weihnachtsstern, den sie im letzten Jahr gebastelt hat. Und an das Wohnzimmerfenster hängt sie die Krippenfiguren aus Tonkarton.
„Die Könige brauchen noch ein Kamel", sagt sie.
„Und die Engel fehlen. Die kannst du in diesem Jahr basteln", schlägt Mama vor.
Mama hängt einen Adventskranz an die Tür. Dann holt sie die Tannenzweige vom Balkon. Heute Morgen haben sie sie auf dem Wochenmarkt gekauft. Mama stellt sie in eine Vase. Tini hängt Sterne aus Goldfolie daran.
Schließlich packt Mama noch ein paar Holzengel aus und steckt Kerzen fest. Tini verteilt die Engel im Wohnzimmer. Am liebsten hat sie den kleinen Engel, der einen Schlitten mit Geschenken zieht. Aber auch die kleine Musikkapelle mag sie. Jedes Jahr kommt etwas dazu. Mama und Tini suchen sich auf dem Weihnachtsmarkt immer einen niedlichen Engel aus.
Dann haben sie alles ausgepackt. Tini schaut sich um. Es sieht richtig weihnachtlich aus. Jetzt ist wirklich Advent.

 ©Annette Paul